Kapitel 11 · Supply Chain Management & Distribution
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Literatur zur Vertiefung
Sushi@Home: Das neue Kommissionierlager in Raunheim
Ausgangslage
SushiFresh setzt eine der Wachstumsideen aus der Einheit Distributionsstrukturen um: den Onlineshop Sushi@Home mit Kits zum Selbermachen, Saucen, Getränken und Zubehör. Dafür entsteht in Raunheim ein Fachbodenlager mit 8 Gängen und 192 Fächern für 192 Artikel.
Problem nach dem Start
Rund 300 Aufträge pro Tag mit Ø 7,5 Positionen. Die Artikel wurden eingelagert, „wo gerade Platz war“. Die Picker laufen lange Wege, der Versand am Nachmittag wird knapp.
Fragen
Warum und wie gelagert wird
Funktionen eines Lagers
Reserve- und Kommissionierlager
Häufig werden Reservelager (Paletten, große Mengen, platzsparend) und Kommissionierlager (Anbruchmengen, gut erreichbar) getrennt. Der Nachschub füllt die Kommissionierplätze auf. Bei SushiFresh: Palettenregal für Reis-Säcke und Getränke, Fachbodenregal für die Kommissionierung.
Statische Lagersysteme im Überblick
| Lagertyp | Ladeeinheit | Zugriff | Flächennutzung | Automatisierung | Geeignet für |
|---|---|---|---|---|---|
| Bodenlager (Block) | Paletten, Säcke | nur obere/vordere Einheit (LIFO) | sehr hoch | keine | wenige Artikel, große Mengen |
| Bodenlager (Zeile) | Paletten | jede Einheit | mittel | keine | mittlere Artikelzahl |
| Palettenregal | Paletten | jede Palette | mittel | Stapler | breites Sortiment, Reserve |
| Durchlaufregal | Paletten, Behälter | FIFO (Ein- und Ausgabeseite getrennt) | hoch | Schwerkraft | Frische, Haltbarkeit (FIFO) |
| Fachbodenregal | Kartons, Kleinteile | jedes Fach | gering | manuell | manuelle Kommissionierung |
| Hochregallager (HRL) | Paletten | jede Palette (RBG) | sehr hoch | vollautomatisch | hohe Durchsätze, große Bestände |
Auswahlkriterien
Artikelzahl, Menge je Artikel, Zugriffshäufigkeit, Ladeeinheit, Haltbarkeit (FIFO, Mindesthaltbarkeit), Temperaturzone, Investitionsbudget.
SushiFresh
Fachbodenregal für die Kommissionierung. Für kühlpflichtige Kit-Bestandteile ein Durchlaufregal in der Kühlzelle: Die Befüllung von hinten sichert FIFO.
Automatisierte Systeme: Ware zur Person
| System | Prinzip | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|---|
| Automatisches Kleinteilelager (AKL) | Regalbediengerät bringt Behälter zum Pickplatz | kompakt, bewährt | Investition, begrenzter Durchsatz je Gasse |
| Shuttle-System | Shuttle je Ebene, sehr hohe Behälterdurchsätze | Durchsatz | hohe Investition |
| Würfelspeicher (z. B. AutoStore) | Behälter gestapelt, Roboter greifen von oben | Flächennutzung, modular | Zugriff auf untere Behälter dauert |
| Liftsystem / Paternoster | Tablare werden zur Bedienöffnung gefahren | günstiger Einstieg, kompakt | geringe Leistung |
| Autonome mobile Roboter (AMR) | Roboter fahren Regale oder Behälter zum Picker | flexibel, skalierbar | Software, Flottenmanagement |
Bei Ware-zur-Person entfallen die Wege des Pickers. Picker Routing wird dann zur Reihenfolgeplanung der Behälter. Investitionen lohnen sich bei hohen Auftragszahlen und stabiler Auslastung. Für 300 Aufträge pro Tag bleibt SushiFresh zunächst bei Person-zur-Ware.
Feste, chaotische und zonierte Lagerplatzvergabe
| Strategie | Regel | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|---|
| Feste Lagerplatzvergabe | Jeder Artikel hat einen festen Platz | Picker kennen die Plätze, kein IT-System nötig | Platz für den Maximalbestand jedes Artikels nötig |
| Chaotische (freie) Lagerplatzvergabe | Einlagerung auf irgendeinen freien Platz | hohe Flächennutzung, flexibel bei Sortimentswechsel | Lagerverwaltungssystem (LVS) zwingend, Wege nicht gesteuert |
| Zonierte Vergabe (z. B. ABC-Zonen) | Feste Zone je Klasse, innerhalb der Zone frei | kurze Wege für Schnelldreher bei guter Flächennutzung | Klassen pflegen, Umlagerungen bei Nachfrageänderung |
Platzbedarf
mit Bestand \(B_i(t)\) von Artikel \(i\) in Lagerplätzen
Da nicht alle Artikel gleichzeitig ihren Höchstbestand haben, gilt immer: chaotisch ≤ fest. Im Mittel ist bei gleichmäßigem Abbau nur gut die Hälfte des Maximalbestands belegt, die chaotische Lagerung muss aber die gemeinsame Spitze abdecken.
Beispiel: Platzbedarf im Reservelager
Zwölf Artikel im Reservelager, Bestand jeweils sägezahnförmig zwischen Bestellmenge \(Q_i\) und null (Bestellzyklus 6–14 Tage, zeitlich versetzt).
Ergebnis
Bei synchronen Bestellungen (alle Artikel am selben Tag) schrumpft der Vorteil. Bei schwankender Nachfrage braucht auch die chaotische Lagerung einen Puffer.
ABC-Analyse der Zugriffe
Sushi@Home-Sortiment
Grundregel
Schnelldreher gehören auf Plätze mit kurzem Weg (und in Griffhöhe), Langsamdreher dürfen weiter weg liegen. Was „kurzer Weg“ heißt, hängt aber von der Routingstrategie ab, dazu später mehr.
Cube-per-Order-Index (COI)
Idee (Heskett 1963): Artikel mit viel Platzbedarf belegen viele gute Plätze. Deshalb wird nicht nur die Zugriffshäufigkeit, sondern das Verhältnis aus Platzbedarf und Zugriffen betrachtet: \[\text{COI}_i = \frac{\text{Platzbedarf}_i}{\text{Zugriffe}_i}\] Artikel werden nach aufsteigendem COI den Plätzen mit den kürzesten Wegen zugeordnet.
Unter bestimmten Annahmen (Weg je Zugriff proportional zur Distanz des Platzes, Return-Routing) ist die COI-Regel optimal. Bei S-Shape-Routing oder Aufträgen mit vielen Positionen ist sie eine Heuristik.
| Artikel | Fächer | Zugriffe/Woche | COI (×10⁻³) | Rang nach Zugriffen | Rang nach COI |
|---|---|---|---|---|---|
| Sushi-Reis 1 kg | 4 | 900 | 4,44 | 1 | 4 |
| Nori-Blätter | 1 | 700 | 1,43 | 3 | 1 |
| Sojasauce | 2 | 800 | 2,50 | 2 | 3 |
| Stäbchen | 1 | 600 | 1,67 | 4 | 2 |
| Bambusmatte | 3 | 400 | 7,50 | 5 | 5 |
| Reiskocher | 6 | 60 | 100,00 | 6 | 6 |
Der Sushi-Reis wird am häufigsten gegriffen, braucht aber 4 Fächer. Nach COI erhalten Nori und Stäbchen die besten Plätze, der Reis rückt auf Rang 4.
Drei Varianten im Layout
Zufällig (chaotisch)
ABC am Gangkopf (vorne in allen Gängen)
ABC gangweise (A in den ersten Gängen)
■ A-Artikel ■ B-Artikel ■ C-Artikel. Innerhalb einer Zone werden die Artikel zufällig verteilt.
Beide ABC-Varianten bringen die Schnelldreher näher an das Depot, aber auf unterschiedliche Weise. Welche besser ist, entscheidet die Art, wie die Picker durch das Lager laufen.
Begriffe und Zeitanteile
Begriffe
Typische Aufteilung der Zeit eines Pickers bei Person-zur-Ware (de Koster et al. 2007).
Rund die Hälfte der Zeit entfällt auf das Gehen. Kürzere Wege durch gute Lagerplatzvergabe und Routing sind deshalb der größte Hebel für die Kommissionierleistung.
Gestaltungsmöglichkeiten
| Merkmal | Varianten | Wirkung |
|---|---|---|
| Bereitstellung | Person-zur-Ware (statisch) · Ware-zur-Person (dynamisch) | Wegzeit vs. Investition |
| Auftragsbearbeitung | einstufig, auftragsweise: ein Auftrag pro Tour | einfach, kurze Durchlaufzeit je Auftrag |
| zweistufig, serienweise (Batch): mehrere Aufträge pro Tour, danach Sortieren | weniger Wege, aber Sortieraufwand und Fehlerrisiko | |
| Zonen | einzonig · mehrzonig (sequenziell weitergeben oder parallel und zusammenführen) | kurze Wege je Picker, Abstimmung nötig |
| Informationsbereitstellung | Papier-Pickliste · Scanner/MDE · Pick-by-Voice · Pick-by-Light · Datenbrille | Fehlerquote, Geschwindigkeit, Hände frei |
Kommissionierzeit eines Auftrags
\[t = t_{\text{Basis}} + \frac{w}{v} + n \cdot t_{\text{Pos}}\] Basiszeit \(t_{\text{Basis}}\), Weglänge \(w\), Gehgeschwindigkeit \(v\), Positionen \(n\) mit Greif- und Bestätigungszeit \(t_{\text{Pos}}\)
SushiFresh
Person-zur-Ware, einstufig, auftragsweise, eine Zone, Scanner (Artikel und Fach werden bestätigt). Nur die Weglänge \(w\) hängt von Lagerplatzvergabe und Routing ab.
Ein TSP im Lager
Problemstellung: Gegeben ist eine Pickliste mit \(n\) Positionen. Gesucht ist die kürzeste Rundtour vom Depot zu allen Pickpositionen und zurück. Das ist ein Rundreiseproblem (Traveling Salesman Problem, TSP) auf einem speziellen Graphen aus Gängen und Quergängen. Allgemein behandeln wir das TSP später in der Einheit Tourenplanung.
Annahmen (Ein-Block-Layout)
Distanz zwischen Pickpositionen \((x_1, y_1)\) und \((x_2, y_2)\):
(Umweg über vorne oder hinten; \(Y\) = Lage des hinteren Quergangs)
Lösungswege
Warum einfache Strategien?
Picker folgen in der Praxis lieber leicht merkbaren Mustern. Optimale Touren wirken oft unlogisch, werden nicht eingehalten und führen in engen Gängen zu Staus.
Beispielauftrag bei chaotischer Lagerung
| Nr. | Artikel | Menge | Klasse | Gang | Fach |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Sushi-Reis 1 kg | 2 | A | 6 | L1 |
| 2 | Sojasauce 150 ml | 3 | A | 2 | R9 |
| 3 | Stäbchen 10 Paar | 1 | A | 7 | R8 |
| 4 | Bambusmatte | 1 | A | 3 | L10 |
| 5 | Sriracha-Sauce | 1 | A | 1 | L12 |
| 6 | Sushi-Bazooka | 1 | B | 6 | R4 |
| 7 | Reis-Messbecher | 1 | B | 8 | L7 |
| 8 | Keramik-Sojaschale | 2 | C | 6 | L9 |
Auftrag 4711 von Sushi@Home: ein „Starter-Kit“ mit Zubehör. Die Artikel liegen verstreut über 6 Gänge.
Jeden Gang mit Picks vollständig durchlaufen
Regel (auch: Traversal)
Bewertung
Weglänge: 184,0 m. Einfach zu merken und gut bei vielen Picks pro Gang. Bei wenigen, weit vorne liegenden Picks wird viel unnötig gelaufen.
Jeden Gang von vorne betreten und umkehren
Regel
Bewertung
Weglänge: 232,0 m. Gut, wenn Picks nahe am vorderen Gangende liegen. Bei Picks tief im Gang wird jeder Meter doppelt gelaufen.
Die größte Lücke im Gang nicht laufen
Regel (Hall 1993)
Bewertung
Weglänge: 166,5 m. Etwas schwerer zu merken, schneidet aber in Studien meist am besten unter den einfachen Strategien ab.
Exakte Lösung durch vollständige Enumeration
| Strategie | Weglänge | über Optimum |
|---|---|---|
| S-Shape | 184,0 m | +16 % |
| Return | 232,0 m | +46 % |
| Largest Gap | 166,5 m | +5 % |
| Optimal (TSP) | 159,0 m | +0 % |
Beobachtung
Die optimale Tour (40.320 mögliche Reihenfolgen geprüft) kombiniert Elemente der einfachen Strategien: manche Gänge werden durchlaufen, andere von vorne oder hinten angelaufen.
Für größere Aufträge: Ratliff-Rosenthal-Algorithmus oder TSP-Heuristiken wie Nearest Neighbor + 2-opt (behandelt in der späteren Einheit Tourenplanung).
Implementierung der Strategien
# pk: Picks mit Gang (gang) und Tiefe (y)
# Ergebnis: Wegpunkte ab/bis Depot (0, 0)
route_sshape <- function(pk) {
g <- sort(unique(pk$gang)); m <- length(g)
wp <- list(c(0, 0)); vorne <- TRUE
for (k in seq_len(m)) {
x <- gang_x[g[k]]; ys <- pk$y[pk$gang == g[k]]
if (k == m && m %% 2 == 1) { # letzter Gang:
wp <- c(wp, list(c(x, 0), c(x, max(ys)), c(x, 0)))
} else if (vorne) { # nach hinten
wp <- c(wp, list(c(x, 0), c(x, Y))); vorne <- FALSE
} else { # nach vorne
wp <- c(wp, list(c(x, Y), c(x, 0))); vorne <- TRUE
}
}
do.call(rbind, c(wp, list(c(0, 0))))
}route_return <- function(pk) {
wp <- list(c(0, 0))
for (j in sort(unique(pk$gang))) {
x <- gang_x[j]
wp <- c(wp, list(c(x, 0),
c(x, max(pk$y[pk$gang == j])),
c(x, 0)))
}
do.call(rbind, c(wp, list(c(0, 0))))
}
# Weglänge: Summe der Rechteck-Abstände
weg_laenge <- function(wp)
sum(abs(diff(wp[, 1])) + abs(diff(wp[, 2])))Alle Strategien liefern Wegpunkte. Daraus ergeben sich Weglänge und Grafik. Largest Gap und die TSP-Lösung sind im Quellcode der Folien enthalten.
Simulation mit 300 Aufträgen
Ergebnisse
Lagerplatzvergabe und Routing müssen gemeinsam geplant werden (Petersen and Schmenner 1999). Bestes Paar hier: ABC gangweise + NN + 2-opt mit Ø 111 m statt 159 m heute.
Was bringen die kürzeren Wege?
| Szenario | Weg (m) | Zeit/Auftrag (s) | Anteil Weg | Aufträge/h | Picker-Std./Tag |
|---|---|---|---|---|---|
| Heute: zufällig + S-Shape | 159 | 333 | 59 % | 10,8 | 27,8 |
| ABC gangweise + S-Shape | 129 | 296 | 54 % | 12,2 | 24,7 |
| ABC gangweise + Largest Gap | 118 | 282 | 52 % | 12,7 | 23,5 |
| ABC gangweise + NN + 2-opt | 111 | 274 | 51 % | 13,1 | 22,8 |
Annahmen: \(v\) = 0,8 m/s mit Wagen, \(t_{\text{Basis}}\) = 60 s, \(t_{\text{Pos}}\) = 10 s, Ø 7,5 Positionen, 300 Aufträge pro Tag.
Ergebnis
Allein durch Umlagern der Artikel und eine feste Laufregel sinkt der Personalbedarf von 27,8 auf 23,5 Picker-Stunden pro Tag (15 %), ohne Investition in Technik.
Umsetzung
Die ABC-Zonierung erfordert eine einmalige Umlagerung und eine regelmäßige Überprüfung der Klassen (z. B. quartalsweise, Saisonartikel!). Das Lagerverwaltungssystem sortiert die Pickliste in Laufreihenfolge.
Mehrere Aufträge in einer Tour
Prinzip
Der Picker holt die Positionen mehrerer Aufträge in einer Tour (z. B. Wagen mit mehreren Kisten). Danach wird nach Aufträgen getrennt, entweder direkt am Wagen (pick and sort) oder in einem zweiten Schritt.
Beispiel (ABC gangweise, Largest Gap)
Batchbildung ist selbst ein Optimierungsproblem, z. B. per Savings-Logik (Ausblick in der späteren Einheit Tourenplanung): Aufträge mit überlappenden Gängen kombinieren.
Das Wichtigste in Kürze
Übungsaufgaben zu dieser Einheit
Aufgaben zur Klausurvorbereitung (Teil 1) und eine vertiefende Fallstudie (Teil 2) finden Sie in Fallstudie 7: Lagerplanung und Kommissionierung.

Supply Chain Management