Der Bullwhip-Effekt und das Beer Game

Kapitel 10 · Supply Chain Management & Distribution

Prof. Dr. Thomas Kirschstein

Unsicherheits- und Risikomanagement in SCs - Bullwhip-Effekt

Unsicherheit in Supply Chains

  • Pooling
  • Newsvendor-Modell
  • Bullwhip-Effekt

Lernziele

Nach dieser Einheit können Sie …

  • den Bullwhip-Effekt entlang einer Supply Chain erklären
  • wesentliche Ursachen und Folgen des Bullwhip-Effekts beurteilen
  • Order-up-to-Level \(S\) und Sicherheitsbestand \(SB\) bestimmen
  • Maßnahmen zur Reduktion des Bullwhip-Effekts einordnen

Literatur zur Vertiefung

  • Grundlegende Ursachen und Gegenmaßnahmen des Bullwhip-Effekts: (Thonemann 2023, Kapitel 8, insbesondere 8.2).
  • Empirische Untersuchung der Informationsübertragung: (Bray and Mendelson 2012).
  • Messung, Aggregation und Wirkung von Bullwhip-Effekten: (Yao et al. 2020).

Fallbeispiel: Sushi-Boxen

Fortsetzung

Die SushiFresh-Lieferkette

SushiFresh GmbH ist ein regionaler Hersteller frischer Sushi-Boxen und beliefert sechs Supermarkt-Filialen im Rhein-Main-Gebiet. Für die Produktion ist SushiFresh auf die tägliche Lieferung von frischen Fischfilets angewiesen, die der Fischgroßhändler Nord-Fisch KG liefert. Die Sushi-Supply-Chain ist also so strukturiert:

\[ \text{Supermarkt-Filialen} \mathrel{ \mathop{\leftrightharpoons} \limits^{\text{Lieferung}}_{\text{Bestellung}} } \text{SushiFresh GmbH} \mathrel{ \mathop{\leftrightharpoons} \limits^{\text{Lieferung}}_{\text{Bestellung}} } \text{Nord-Fisch KG} \]

Supermarkt-Filialen

  • beobachten Endkundennachfrage (z. B. Filiale Frankfurt: \(\mu=280\), \(\sigma=55\))
  • bestellen täglich Sushi-Boxen bei SushiFresh

SushiFresh GmbH

  • bekommt Bestellungen der Filialen (=Nachfrage)
  • bestellt Fisch für die Sushi-Boxen bei Nord-Fisch KG und hält einen Bestand an Fisch als Vorrat

Nord-Fisch KG

  • bekommt Bestellungen von SushiFresh GmbH (=Nachfrage)
  • beschafft Rohfisch, produziert die Fisch-Filets und lagert diese, um schnell liefern zu können

Important

SushiFresh und Nord-Fisch Akteure halten einen (Sicherheits-)Bestand an Fischfilets, um Fehlmengen zu vermeiden \(\rightarrow\) Wie hoch sollte dieser sein?

Fallbeispiel: SushiFresh GmbH

Situation von SushiFresh GmbH

Bestellprozess für Fischfilets

SushiFresh GmbH entscheidet täglich über seine Produktionsmenge an Sushi-Boxen für die Filiale Frankfurt (vgl. Folien Newsvendormodell). Basierend auf der Sushi-Box-Nachfrage, sei \(d_t\) der Bedarf an Fischfilet-Einheiten an Tag \(t\) (Filiale Frankfurt: \(\mu=280\), \(\sigma=55\)). SushiFresh kann jeden Tag Nachschub bei Nord-Fisch KG bestellen. Die Bestellmenge an Tag \(t\) sei \(q_t\). Bestellte Fischfilets werden \(l=2\) Tage später geliefert. Die physisch verfügbare Menge an Fischfilet-Einheiten sei \(i_t\). Falls keine Fischfilets vorrätig sind, wird der Bedarf vorgemerkt (\(b_t\)) und später nachproduziert bzw. nachgeliefert.

Sushi-Boxen-Bestände

  • der physische Bestand \(i_t\) wird berechnet als \(i_t = \max(0,i_{t-1} + q_{t-2} - d_t)\)
  • der Nettobestand \(n_t\) berücksichtigt auch Fehlmengen \(n_t = i_{t-1} + q_{t-2} - d_t\)
  • der disponible Bestand \(p_t\) berücksichtigt auch offene Bestellungen \(p_t = n_{t-1} + q_{t-1} (+q_t)\)

Fallbeispiel: SushiFresh GmbH

Bestand von SushiFresh GmbH (Filiale Frankfurt)

Nachfrage

Periode Nachfrage
0 NA
1 234
2 256
3 344
4 410
5 278
6 322
7 212
8 256
9 278
10 234
11 256
12 278

Anfangslagerbestand \(i_0 =\) 990 Zielbestand \(S =\) 990

Fallbeispiel: SushiFresh GmbH

Festlegung des Ziellagerbestands

Bestellprozess & Ziellagerbestand \(S\)

Durch Festlegung des Ziellagerbestand \(S\) ergibt sich die Bestellmenge und der Sicherheitsbestand:

\[ q_t = S - p_t \qquad \qquad sb_t = S - \mu \cdot (l+1) \]

bei gegebenen \(\alpha\)-Servicegrad

Übertragung der Formel für eine Periode (vgl. Pooling-Vorlesung) auf mehrere Perioden:

\[ S = \mu \cdot (l+1) + \sqrt{l+1} \cdot \sigma \cdot z_{\alpha}\]

bei gegebenen Fehlmengen-Kostensatz \(c^u\) und Lagerhaltungskostensatz \(c^o\)

Übertragung der Newsvendor-Formel:

\[ S = \mu \cdot (l+1) + \sqrt{l+1} \cdot \sigma \cdot z_{\frac{c^u}{c^u+c^o}}\]

Important

Wichtig: Die Parameter \(\mu\) und \(\sigma\) sind die erwarte tägliche Nachfrage(-rate) (Nachfrage pro Periode) und die erwartete Abweichung (Standardabweichung). Beide Parameter werden geschätzt auf Basis der empirischen Kundennachfrage.

Fallbeispiel: SushiFresh GmbH

Bestellentscheidungen und deren Auswirkungen

Schätzung der Nachfrageparameter \(\mu\) und \(\sigma\)

Die Parameter der Nachfrageverteilung werden durch statistische Schätzverfahren (Schätzer) ermittelt, wie dem (gleitenden) Mittelwert und der empirischen Standardabweichung:

\(\hat{\mu} = \frac{1}{T} \sum_{\tau=t-T}^{t-1} d_\tau \qquad \qquad \hat{\sigma} = \sqrt{ \frac{1}{T-1} \sum_{\tau=t-T}^{t-1} (d_\tau - \hat{\mu})^2 } \rightarrow \;\text{Prognosefehler}\)

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Bedarf d[t] 234 256 344.0 410.0 278.0 322 212.0 256.0 278.0 234.0 256 278
Mittelwert μ̂[t] 256 234 245.0 278.0 336.7 344 336.7 270.7 263.3 248.7 256 256
Standardabweichung σ̂[t] 1 1 15.6 58.2 77.3 66 67.2 55.4 55.4 33.6 22 22
Zielbestand S[t] 771 705 779.0 1000.0 1230.0 1220 1201.0 970.0 948.0 842.0 831 831
Bestellung q[t] 15 190 418.0 631.0 508.0 312 193.0 25.0 256.0 128.0 245 278

Beobachtung

Die Schwankung der Nachfrage \(\sigma_d=\) 55.1 ist deutlich kleiner als die Standardabweichung der Bestellmengen \(\sigma_q=\) 183.1 \(\rightarrow\) zusätzliche Unsicherheit für Nord-Fisch KG wird generiert

Bullwhip-Effekt

Definition & Illustration

The bullwhip effect is present in a supply chain if the variability of demand at one level of the supply chain is greater than the variability of demand at the next downstream level in the supply chain, where variability is measured with the coefficient of variation.

Typische Verläufe

Upstream-Effekte

  • “Aufschaukeln” der Bestellmengen
  • Volatilität der Bestände steigt
  • häufigere Fehlmengen

Bullwhip-Effekt

Typische Beobachtungen

  • meist gilt \(q_t \neq d_t\), denn die Bestellmenge enthält mehrere Bestandteile \[ q_t=\text{erwarteter Bedarf}+\text{Bestandskorrektur}+\text{Sicherheitsbestandskorrektur}.\]
  • für Lieferanten ist es nicht ersichtlich, ob Bestellmengenschwankungen langfristig Verschiebungen anzeigen (d.h. die Endkundennachfrage steigt) oder ob es kurzfristige Bestandskorrekturen sind \(\rightarrow\) Schätzung der zukünftigen Nachfrage schwierig \(\rightarrow\) Prognosefehler steigen \(\rightarrow\) Bestellmengen schwanken stärker
  • daher folgt oft das die Schwankungen der Bestellmengen mit jeder Wertschöpfungsstufe steigen: \(\operatorname{Var}(d_t)< \operatorname{Var}(q_t^{i})<\operatorname{Var}(q_t^{i+1})<\operatorname{Var}(q_t^{i+2})< ...\)

Messung des Bullwhip-Effekts

Maße für den Bullwhip-Effekt sind die Varianzquotienten \(B=\frac{\operatorname{Var}(q_t)}{\operatorname{Var}(d_t)}>1\) und \(B=\frac{\operatorname{Var}(q^{i}_t)}{\operatorname{Var}(q^{i-1}_t)}>1\)

\(\rightarrow\) je größer \(B\) desto stärker der Bullwhip-Effekt

Bullwhip-Effekt

\(2/3\) der Unternehmen

In einer Stichprobe von 4.689 börsennotierten US-Unternehmen zeigten rund zwei Drittel eine positive Verstärkung der Beschaffungs- gegenüber der Absatzvariabilität.

\(+15{,}8\%\) im Durchschnitt

Die mittlere Bullwhip-Verstärkung betrug \(15{,}8\%\) der Nachfragevariabilität; der Median lag bei \(6{,}7\%\).

Größenordnung

Im Mittel lag die quartalsweise Standardabweichung vorgelagerter Bestellungen um rund 20 Mio. US-Dollar über derjenigen der beobachteten Nachfrage.

Reale Performance-Folgen (Yao et al. 2020)

Ein stärkerer Bullwhip-Effekt geht mit einem höheren Bestandsverhältnis und zugleich mehr Fehlmengen einher \(\rightarrow\) Sicherhietsbestände reichen nicht

Aggregation verdeckt das Problem

Auf Produkt-, Filial- oder Zeitaggregate verdichtete Kennzahlen unterschätzen den Bullwhip-Effekt gegenüber einer Messung auf SKU-Ebene.

Management-Botschaft

Nicht nur die Endkundennachfrage erzeugt Volatilität:

\[ \text{Nachfragesignal} + \text{lokale Disposition} = \text{Bestellvarianz} \]

Bullwhip-Effekt

Ursachen des Bullwhip-Effekts

Ursache Wirkungsmechanismus
Lokale Prognosen Bestellungen werden als tatsächliche Nachfrage interpretiert
Prognoseaktualisierung Kleine Nachfrageänderungen führen zu Anpassungen der Zielbestände
Lange Lieferzeiten Entscheidungen müssen weit in die Zukunft wirken
Auftragsbündelung Seltene Großbestellungen erzeugen künstliche Bedarfsspitzen
Preisaktionen Vorratskäufe verzerren die beobachtete Nachfrage
Rationierung Akteure bestellen strategisch mehr als ihren tatsächlichen Bedarf
Fehlende Transparenz Endkundennachfrage ist nicht für alle Stufen sichtbar
Lokale Zielsysteme Stufen optimieren individuell statt systemweit

Bullwhip-Effekt

Typische Folgen

Operative Folgen

  • Schwankende Produktionsprogramme
  • Instabile Kapazitätsauslastung
  • Eiltransporte und Sondermaßnahmen
  • Hohe Bestände und dennoch Fehlmengen
  • Niedrigere Lieferfähigkeit
  • Höhere Planungsunsicherheit

Ökonomische Folgen

  • Höhere Kapitalbindung
  • Höhere Lagerkosten
  • Höhere Obsoleszenzrisiken
  • Höhere Rüst- und Produktionskosten
  • Höhere Transportkosten
  • Umsatz- und Deckungsbeitragsverluste

Bullwhip-Effekt

Gegenmaßnahmen

Hebel Maßnahme Wirkung auf Bestände und Varianz
Informationsfluss Point-of-Sale-Daten teilen \(\sigma\) der Prognosefehler sinkt
Planung Gemeinsame Prognosen und CPFR Lokale Prognoseverzerrungen sinken
Bestellpolitik Kleine, häufige Bestellungen Auftragsbündelung sinkt
Lieferzeit Informations- und Lieferzeiten verkürzen Risikozeitraum sinkt
Preise Stabile Preise statt Vorratsanreize Künstliche Bedarfsspitzen sinken
Allokation Rationierung nach historischen Mengen Strategische Überbestellung sinkt
Steuerung Gesamtoptimum statt lokaler Zielgrößen Bestell- und Bestandsentscheidungen werden koordiniert
Bray, Robert L., and Haim Mendelson. 2012. “Information Transmission and the Bullwhip Effect: An Empirical Investigation.” Management Science 58 (5): 860–75. https://doi.org/10.1287/mnsc.1110.1467.
Cachon, Gérard, and Christian Terwiesch. 2024. Matching Supply with Demand: An Introduction to Operations Management. 5th ed. McGraw Hill.
Chen, Li, and Hau L. Lee. 2012. “Bullwhip Effect Measurement and Its Implications.” Operations Research 60 (4): 771–84.
Thonemann, Ulrich W. 2023. Operations Management. 4th ed. Pearson.
Yao, Yuliang, Yongrui Duan, and Jiazhen Huo. 2020. “On Empirically Estimating Bullwhip Effects: Measurement, Aggregation, and Impact.” Journal of Operations Management 67 (1): 5–30. https://doi.org/10.1002/joom.1090.