Kapitel 9 · Supply Chain Management & Distribution
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Literatur zur Vertiefung
Sushi-Boxen im Supermarkt
Ein Supermarkt bezieht täglich frisch produzierte Sushi-Boxen von der SushiFresh GmbH, einem regionalen Sushi-Hersteller im Rhein-Main-Gebiet.
Entscheidungsfrage: Wie viele Sushi-Boxen sollte der Lieferant vorbereiten?
Kosten- und Erlösstruktur
Für eine Sushi-Box gelten die folgenden, vereinfachten Werte:
| Größe | Bedeutung | Wert |
|---|---|---|
| Verkaufspreis \(p\) | Erlös je verkaufter Sushi-Box | 10 EUR |
| Herstell- und Lieferkosten \(c\) | Kosten je vorbereiteter Sushi-Box | 5 EUR |
| Restwert \(v\) | Erlös bei Abendrabatt bzw. Verwertung | 2 EUR |
typischerweise gilt allgemein: \(p > c > v\)
\(\rightarrow\) Deckungsbeitrag pro verkaufte Sushi-Box: \(c^u=p-c = 10-5=5\) €
\(\rightarrow\) Verwertungsverlust pro nicht verkaufte Sushi-Box: \(c^o=c-v=5-2=3\) €
Zwei möglische Situation aus Sicht des Lieferanten
Zu viele Boxen:
Gesamtdeckungsbeitrag: \(P(D,q)= D \cdot c^u - (q - D) \cdot c^o\)
Zu wenige Boxen:
Gesamtdeckungsbeitrag: \(P(D,q) = q \cdot c^u\)
Mögliche Nachfrage & Produktionsmenge
Als vereinfachtes Miniaturbeispiel (z. B. für eine kleine Filiale oder einen Testverkauf) schätzt SushiFresh aus Verkaufshistorie, Wochentag, Wetterprognose und aktuellen Aktionen zunächst vier mögliche Nachfrageszenarien:
| Nachfrage \(D\) | Wahrscheinlichkeit \(P(D=d)\) | Kumulierte Wahrscheinlichkeit \(F(d)\) |
|---|---|---|
| 30 Sushi-Boxen | 0,20 | 0,20 |
| 40 Sushi-Boxen | 0,35 | 0,55 |
| 50 Sushi-Boxen | 0,30 | 0,85 |
| 60 Sushi-Boxen | 0,15 | 1,00 |
Welche Menge sollte der Lieferant morgens vorbereiten: 30, 40, 50 oder 60 Sushi-Boxen?
Erwartetes Ergebnis
Setze \(q=40\) Sushi-Boxen
| Nachfrage \(D\) | Wahrsch. \(P(D=d)\) | Überbestand \(q-D\) | Fehlmenge \(q-D\) | Deckungs-beitrag \(P\) |
|---|---|---|---|---|
| 30 Sushi-Boxen | 0,20 | 10 | 0 | 120 € |
| 40 Sushi-Boxen | 0,35 | 0 | 0 | 200 € |
| 50 Sushi-Boxen | 0,30 | 0 | 10 | 200 € |
| 60 Sushi-Boxen | 0,15 | 0 | 20 | 200 € |
erwarteter Gesamtdeckungsbeitrag: \(\begin{align} E(P|q=40)= & 0.2 \cdot 120 + 0.35 \cdot 200 + \\ & 0.30 \cdot 200 + 0.15 \cdot 200= 184 \end{align}\)
\(E(P|q)\) für alle \(q\)
\(\rightarrow\) maximaler erwarteter Deckungsbeitrag bei \(q=50\) mit 190 € pro Tag
Herleitung der Zielfunktion
Überdeckung \(q > D\)
\[P(D,q) = D \cdot c^u - (q-D)^+\cdot c^o\]
\[\Downarrow\]
Unterdeckung \(q < D\)
\[P(D,q) = q \cdot c^u\]
\[\Downarrow\]
\[\begin{align} P(D,q) =& \min(D,q) \cdot c^u - (q-D)^+ \cdot c^o \\ = & (D-(D-q)^+) \cdot c^u - (q-D)^+ \cdot c^o \\ = & \underset{\text{Deckungsbeitrag}}{D \cdot c^u} - \underset{\text{ Fehlmengenkosten}}{(D-q)^+ \cdot c^u} - \underset{\text{Überbestandskosten}}{(q-D)^+ \cdot c^o} \end{align} \] wobei \((q-D)^+ = \max(0,q-D)\), \((D-q)^+ = \max(0,D-q)\) und \(\min(D,q) = D - (D-q)^+\)
Formales Modell
Problembeschreibung
Suche die Bestellmenge \(q\), die den erwarteten Profit maximiert oder die erwarteten Kosten minimiert: \[ \underset{q}{\max} E(P(q)) = \mu \cdot c^u - E((D-q)^+) \cdot c^u - E((q-D)^+) \cdot c^o \; \Leftrightarrow \; \underset{q}{\min} E(C(q)) = E((D-q)^+) \cdot c^u + E((q-D)^+) \cdot c^o \] \(\rightarrow\) minimiere das gewichtete Mittel aus erwarteter Fehlmenge \(E((D-q)^+)\) und erwartetem Überbestand \(E((q-D)^+)\)
Diskrete Nachfrage (vgl. vorige Folie)
Kontinuierliche Nachfrage (Filiale Frankfurt) \(D \sim N(280,55^2)\)
Formale Lösung
Die optimale Bestellmenge \(q^*\) ist, wo die Anstiege der erwarteten Fehlmengenkosten \(E((D-q)^+) \cdot c^u\) und der Überbestandskosten \(E((q-D)^+)\cdot c^o\) gleich sind: \[ \left(1 - F(q^*)\right) \cdot c^u \overset{!}{=} F(q^*) \cdot c^o \quad \Longrightarrow \quad q^* = F^{-1} \left( \frac{c^u}{c^o + c^u} \right)\]
Diskrete Nachfrage (Verteilungsparameter vgl. vorige Folie) mit \(c^u = 5\) und \(c^o=3\)
Kontinuierliche Nachfrage (Filiale Frankfurt) \(D \sim N(280,55^2)\) mit \(c^u = 5\) und \(c^o=3\)
Kritisches Verhältnis
kritisches Verhältnis (critical ratio)
Die optimale Bestellmenge ist das Nachfragequantil, dessen kumulierte Wahrscheinlichkeit dem Verhältnis von Fehlmengen- zu Gesamtkosten entspricht. Das kritische Verhältnis entscheidet also über die Risikobereitschaft
\[ CR = \frac{c^u}{c^o + c^u}\]
Fall 1: \(c^u < c^o\)
Fall 2: \(c^u = c^o\)
Fall 3: \(c^u > c^o\)
Optimale Lösung bei Normalverteilung
Normalverteilte Nachfrage
Im Falle normalverteilter Nachfrage mit \(D \sim (\mu,\sigma^2)\) kann die optimale Bestellmenge durch Transformation zur Standardnormalverteilung berechnet werden. Für optimale Bestellmenge und Kosten gilt \[z^* = \Phi^{-1} \left( \frac{c^u}{c^o + c^u} \right) \qquad q^*=\mu + \sigma \cdot z^* \qquad E(C(q^*))=(c^u+c^o)\cdot \sigma \cdot \varphi\left( z^* \right) \]
Fallbeispiel Filiale Frankfurt mit \(N(280,55^2)\)
Fall 1: \(c^u=1 < 5=c^o\)
\(q^* = 280 + 55 \cdot\) -0.97=226.8
Fall 2: \(c^u = 3 = c^o\)
\(q^* = 280 + 55 \cdot\) 0=280
Fall 3: \(c^u=5 > 1=c^o\)
\(q^* = 280 + 55 \cdot\) 0.97=333.2
Typische Anwendungen
Voraussetzungen
Das Newsvendor wird besonders häufig verwendet, wenn keine Bedarfsglättung durch Lagerhaltung möglich ist und die Fehlmengenkosten gut bestimmbar sind
Typische Anwendungsbereich sind z.B. bei
Important
Darüber hinaus ist es die Basis für die Berechnung kostenoptimaler Sicherheitsbestände in Lagerhaltungssystemen.

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