Das Newsvendor-Modell

Kapitel 9 · Supply Chain Management & Distribution

Prof. Dr. Thomas Kirschstein

Unsicherheits- und Risikomanagement in SCs - Newsvendor-Modell

Unsicherheit in Supply Chains

  • Pooling
  • Newsvendor-Modell
  • Bullwhip-Effekt

Lernziele

Nach dieser Einheit können Sie …

  • das Newsvendor-Problem als einmalige Bestellentscheidung bei unsicherer Nachfrage einordnen,
  • Über- und Unterdeckungskosten bestimmen,
  • die kritische Fraktilregel herleiten und interpretieren,
  • eine optimale Bestellmenge bei gegebener Nachfrageverteilung berechnen,
  • den Einfluss zentraler Modellparameter auf die Bestellentscheidung erklären.

Literatur zur Vertiefung

Fallbeispiel

Sushi-Boxen im Supermarkt

Ein Supermarkt bezieht täglich frisch produzierte Sushi-Boxen von der SushiFresh GmbH, einem regionalen Sushi-Hersteller im Rhein-Main-Gebiet.

  • Die Boxen werden morgens vorbereitet und vor Ladenöffnung geliefert.
  • Die Nachfrage ist bis zum Abend unsicher. Nachlieferungen tagsüber sind ausgeschlossen.
  • Nicht verkaufte Sushi-Boxen dürfen am Folgetag nicht mehr regulär verkauft werden.

Entscheidungsfrage: Wie viele Sushi-Boxen sollte der Lieferant vorbereiten?

Fallbeispiel

Kosten- und Erlösstruktur

Für eine Sushi-Box gelten die folgenden, vereinfachten Werte:

Größe Bedeutung Wert
Verkaufspreis \(p\) Erlös je verkaufter Sushi-Box 10 EUR
Herstell- und Lieferkosten \(c\) Kosten je vorbereiteter Sushi-Box 5 EUR
Restwert \(v\) Erlös bei Abendrabatt bzw. Verwertung 2 EUR

typischerweise gilt allgemein: \(p > c > v\)

\(\rightarrow\) Deckungsbeitrag pro verkaufte Sushi-Box: \(c^u=p-c = 10-5=5\) €

\(\rightarrow\) Verwertungsverlust pro nicht verkaufte Sushi-Box: \(c^o=c-v=5-2=3\) €

Fallbeispiel

Zwei möglische Situation aus Sicht des Lieferanten

Zu viele Boxen:

  • weniger Nachfrage \(D\) als produzierte Sushi-Boxen \(q\) \(\rightarrow\) Überbestand \(q-D\)
  • verkaufte Menge: \(\min(D,q) = D\)
  • Deckungsbeitrag aus Verkauf: \(D \cdot c^u\)
  • zusätzliche Kosten der Verwertung: \((q-D) \cdot c^o\)

Gesamtdeckungsbeitrag: \(P(D,q)= D \cdot c^u - (q - D) \cdot c^o\)

Zu wenige Boxen:

  • mehr Nachfrage \(D\) als produzierte Sushi-Boxen \(q\) \(\rightarrow\) Fehlmenge \(D-q\)
  • verkaufte Menge: \(\min(D,q) = q\)
  • gesamter Deckungsbeitrag: \(q \cdot c^u\)
  • Opportunitätskosten aus entgangenem Deckungsbeitrag: \((D-q) \cdot c^u\)

Gesamtdeckungsbeitrag: \(P(D,q) = q \cdot c^u\)

Fallbeispiel

Mögliche Nachfrage & Produktionsmenge

Als vereinfachtes Miniaturbeispiel (z. B. für eine kleine Filiale oder einen Testverkauf) schätzt SushiFresh aus Verkaufshistorie, Wochentag, Wetterprognose und aktuellen Aktionen zunächst vier mögliche Nachfrageszenarien:

Nachfrage \(D\) Wahrscheinlichkeit \(P(D=d)\) Kumulierte Wahrscheinlichkeit \(F(d)\)
30 Sushi-Boxen 0,20 0,20
40 Sushi-Boxen 0,35 0,55
50 Sushi-Boxen 0,30 0,85
60 Sushi-Boxen 0,15 1,00

Welche Menge sollte der Lieferant morgens vorbereiten: 30, 40, 50 oder 60 Sushi-Boxen?

Fallbeispiel

Erwartetes Ergebnis

Setze \(q=40\) Sushi-Boxen

Nachfrage \(D\) Wahrsch. \(P(D=d)\) Überbestand \(q-D\) Fehlmenge \(q-D\) Deckungs-beitrag \(P\)
30 Sushi-Boxen 0,20 10 0 120 €
40 Sushi-Boxen 0,35 0 0 200 €
50 Sushi-Boxen 0,30 0 10 200 €
60 Sushi-Boxen 0,15 0 20 200 €

erwarteter Gesamtdeckungsbeitrag: \(\begin{align} E(P|q=40)= & 0.2 \cdot 120 + 0.35 \cdot 200 + \\ & 0.30 \cdot 200 + 0.15 \cdot 200= 184 \end{align}\)

\(E(P|q)\) für alle \(q\)

\(\rightarrow\) maximaler erwarteter Deckungsbeitrag bei \(q=50\) mit 190 € pro Tag

Newsvendormodell

Herleitung der Zielfunktion

Überdeckung \(q > D\)

\[P(D,q) = D \cdot c^u - (q-D)^+\cdot c^o\]

\[\Downarrow\]

Unterdeckung \(q < D\)

\[P(D,q) = q \cdot c^u\]

\[\Downarrow\]

\[\begin{align} P(D,q) =& \min(D,q) \cdot c^u - (q-D)^+ \cdot c^o \\ = & (D-(D-q)^+) \cdot c^u - (q-D)^+ \cdot c^o \\ = & \underset{\text{Deckungsbeitrag}}{D \cdot c^u} - \underset{\text{ Fehlmengenkosten}}{(D-q)^+ \cdot c^u} - \underset{\text{Überbestandskosten}}{(q-D)^+ \cdot c^o} \end{align} \] wobei \((q-D)^+ = \max(0,q-D)\), \((D-q)^+ = \max(0,D-q)\) und \(\min(D,q) = D - (D-q)^+\)

Newsvendor-Modell

Formales Modell

Problembeschreibung

Suche die Bestellmenge \(q\), die den erwarteten Profit maximiert oder die erwarteten Kosten minimiert: \[ \underset{q}{\max} E(P(q)) = \mu \cdot c^u - E((D-q)^+) \cdot c^u - E((q-D)^+) \cdot c^o \; \Leftrightarrow \; \underset{q}{\min} E(C(q)) = E((D-q)^+) \cdot c^u + E((q-D)^+) \cdot c^o \] \(\rightarrow\) minimiere das gewichtete Mittel aus erwarteter Fehlmenge \(E((D-q)^+)\) und erwartetem Überbestand \(E((q-D)^+)\)

Diskrete Nachfrage (vgl. vorige Folie)

Kontinuierliche Nachfrage (Filiale Frankfurt) \(D \sim N(280,55^2)\)

Newsvendor-Modell

Formale Lösung

Die optimale Bestellmenge \(q^*\) ist, wo die Anstiege der erwarteten Fehlmengenkosten \(E((D-q)^+) \cdot c^u\) und der Überbestandskosten \(E((q-D)^+)\cdot c^o\) gleich sind: \[ \left(1 - F(q^*)\right) \cdot c^u \overset{!}{=} F(q^*) \cdot c^o \quad \Longrightarrow \quad q^* = F^{-1} \left( \frac{c^u}{c^o + c^u} \right)\]

Diskrete Nachfrage (Verteilungsparameter vgl. vorige Folie) mit \(c^u = 5\) und \(c^o=3\)

Kontinuierliche Nachfrage (Filiale Frankfurt) \(D \sim N(280,55^2)\) mit \(c^u = 5\) und \(c^o=3\)

Newsvendor-Modell

Kritisches Verhältnis

kritisches Verhältnis (critical ratio)

Die optimale Bestellmenge ist das Nachfragequantil, dessen kumulierte Wahrscheinlichkeit dem Verhältnis von Fehlmengen- zu Gesamtkosten entspricht. Das kritische Verhältnis entscheidet also über die Risikobereitschaft

\[ CR = \frac{c^u}{c^o + c^u}\]

Fall 1: \(c^u < c^o\)

  • Fehlmengenkosten sind kleiner als Überbestandskosten
  • Überbestände sollten vermieden werden
  • \(\rightarrow\) opt. Bestellmenge \(q^*\) kleiner als Median der Nachfrageverteilung

Fall 2: \(c^u = c^o\)

  • Fehlmengenkosten = Überbestandskosten
  • Fehlmengen und Überbestände gleich bedeutend
  • \(\rightarrow\) opt. Bestellmenge \(q^*\) gleicht dem Median der Nachfrageverteilung

Fall 3: \(c^u > c^o\)

  • Fehlmengenkosten sind größer als Überbestandskosten
  • Fehlmengen sollten vermieden werden
  • \(\rightarrow\) opt. Bestellmenge \(q^*\) größer als Median der Nachfrageverteilung

Newsvendor-Modell

Optimale Lösung bei Normalverteilung

Normalverteilte Nachfrage

Im Falle normalverteilter Nachfrage mit \(D \sim (\mu,\sigma^2)\) kann die optimale Bestellmenge durch Transformation zur Standardnormalverteilung berechnet werden. Für optimale Bestellmenge und Kosten gilt \[z^* = \Phi^{-1} \left( \frac{c^u}{c^o + c^u} \right) \qquad q^*=\mu + \sigma \cdot z^* \qquad E(C(q^*))=(c^u+c^o)\cdot \sigma \cdot \varphi\left( z^* \right) \]

Fallbeispiel Filiale Frankfurt mit \(N(280,55^2)\)

Fall 1: \(c^u=1 < 5=c^o\)

\(q^* = 280 + 55 \cdot\) -0.97=226.8

Fall 2: \(c^u = 3 = c^o\)

\(q^* = 280 + 55 \cdot\) 0=280

Fall 3: \(c^u=5 > 1=c^o\)

\(q^* = 280 + 55 \cdot\) 0.97=333.2

Newsvendor-Modell

Typische Anwendungen

Voraussetzungen

Das Newsvendor wird besonders häufig verwendet, wenn keine Bedarfsglättung durch Lagerhaltung möglich ist und die Fehlmengenkosten gut bestimmbar sind

Typische Anwendungsbereich sind z.B. bei

  • Saison- und Aktionsartikel
  • Frischwaren mit kurzer Haltbarkeit
  • Tickets für Veranstaltungen oder Verkehrsmittel
  • …

Important

Darüber hinaus ist es die Basis für die Berechnung kostenoptimaler Sicherheitsbestände in Lagerhaltungssystemen.

Cachon, Gérard, and Christian Terwiesch. 2024. Matching Supply with Demand: An Introduction to Operations Management. 5th ed. McGraw Hill.
Silver, Edward A., David F. Pyke, and Douglas J. Thomas. 2017. Inventory and Production Management in Supply Chains. 4th ed. CRC Press.
Thonemann, Ulrich W. 2023. Operations Management. 4th ed. Pearson.