Distributionsstrukturen und -kanäle

Kapitel 4 · Supply Chain Management & Distribution

Prof. Dr. Thomas Kirschstein

Grundlagen des SCM - Distributionsstrukturen und -kanäle

Distributionsstrukturen und -kanäle

  • Distributionssystem und Lieferservice
  • Absatzkanäle (vertikale Struktur)
  • Lagerstufen und Anzahl der Lager (horizontale Struktur)
  • Gestaltungsoptionen und Cross-Docking

Lernziele

Nach dieser Einheit können Sie …

  • Absatzkanal und Logistikkanal eines Distributionssystems unterscheiden,
  • die Komponenten des Lieferservice benennen und mit Kennzahlen messen,
  • ein- und mehrstufige Distributionsstrukturen sowie Cross-Docking beschreiben und bewerten,
  • den Zusammenhang zwischen Anzahl der Lager, Kosten und Lieferzeit erklären.

Literatur zur Vertiefung

Fallstudie – SushiFresh GmbH

Wohin soll die Distribution wachsen?

Heute

SushiFresh produziert in einer Küche und beliefert sechs eigene Filialen im Rhein-Main-Gebiet täglich direkt. Absatzkanal und Logistikkanal sind einfach: Hersteller → eigene Filiale → Kunde.

Wachstumsideen der Geschäftsführung

  1. Handel: Eine Supermarktkette (RheinMarkt) möchte die Boxen in ihren Märkten listen.
  2. Lieferdienst: Frische Boxen direkt zum Endkunden in Frankfurt.
  3. Onlineshop: Haltbare Sushi-Kits und Zubehör bundesweit (Sushi@Home).

Fragen dieser Einheit

  • Welche Absatzkanäle entstehen dadurch, und wer übernimmt welche Funktion?
  • Welche Distributionsstruktur (Lagerstufen, Umschlagpunkte) passt zu frischer bzw. haltbarer Ware?
  • Welchen Lieferservice erwarten die neuen Kunden?

Fahrplan des Semesters

Diese Einheit spannt den Rahmen für das Semester auf. Wo produziert und gelagert wird, klären anschließend die Einheiten zur Standort- und Transportplanung. Wie viel Bestand trotz unsicherer Nachfrage nötig ist, behandelt der Block Unsicherheits- und Risikomanagement. Wie die Ware kommissioniert und zum Kunden gebracht wird, zeigen die Blöcke Distributionslogistik und operative Distributionsplanung.

Distributionssystem

Absatzkanal und Logistikkanal

Akquisitorische Distribution (Absatzkanal)

Wer ist am Weg zum Kunden beteiligt? Verkauf, Preis, Eigentum, Kundenbeziehung.

→ vertikale Struktur: Hersteller, Großhandel, Einzelhandel, Endkunde

Physische Distribution (Logistikkanal)

Wie fließt die Ware? Lagerstufen, Standorte, Transportwege, Umschlagpunkte.

→ horizontale Struktur: Anzahl der Stufen und der Lager je Stufe

Absatzkanal und Logistikkanal müssen nicht identisch sein. Beim Streckengeschäft verkauft der Händler, aber der Hersteller liefert direkt an den Endkunden. Bei RheinMarkt ist der Absatzkanal festgelegt (Handel), der Logistikkanal ist die offene Frage.

Ziel des Distributionssystems: einen angestrebten Lieferservice zu möglichst geringen Kosten erreichen. Die Planungsaufgaben reichen von strategisch (Struktur, Standorte, Einheiten zur Standortplanung) bis operativ (Touren, Kommissionierung, Einheiten der Distributionslogistik).

Lieferservice

Was der Kunde von der Distribution erwartet

Komponente Leitfrage Kennzahl RheinMarkt erwartet
Lieferzeit Wie lange vom Auftrag bis zur Ankunft? Ø Lieferzeit, Anteil Same-Day Ware morgens im Regal
Lieferzuverlässigkeit Wird der zugesagte Termin eingehalten? Termintreue, OTIF vor Ladenöffnung (8 Uhr)
Lieferfähigkeit Ist die bestellte Ware vorrätig? α-/β-Servicegrad (vertieft in Pooling und Newsvendor) keine leeren Regale
Lieferbeschaffenheit Kommt die richtige Ware in richtiger Menge und unbeschädigt an? Fehlerquote, Reklamationen Kühlkette, Haltbarkeit
Lieferflexibilität Kann auf Sonderwünsche reagiert werden (Zeitfenster, Mengen)? Anteil erfüllter Sonderwünsche Nachlieferung mittags
Information Weiß der Kunde, wo seine Sendung ist? Tracking, Avis Lieferavis an Marktleiter

OTIF (on time, in full) fasst Zuverlässigkeit und Vollständigkeit zusammen: Anteil der Lieferungen, die pünktlich und vollständig ankommen. Handelsketten vereinbaren OTIF-Ziele häufig vertraglich, oft mit Vertragsstrafen.

Absatzkanäle

Direkter und indirekter Vertrieb

Kanal Kette Beispiel
Direkt (Nullstufe) Hersteller → Endkunde SushiFresh-Filialen, Lieferdienst
Einstufig indirekt Hersteller → Einzelhandel → Endkunde SushiFresh → RheinMarkt
Zweistufig indirekt Hersteller → Großhandel → Einzelhandel → Endkunde Getränke über Getränkefachgroßhandel

Funktionen von Zwischenstufen

Sortimentsbildung, Mengenausgleich (große Lieferungen → kleine Abnahmen), Lagerhaltung, Finanzierung, Marktkenntnis, Kundenkontakt.

Abwägung für den Hersteller

  • direkt: volle Kontrolle über Preis, Marke, Kundendaten und Marge, aber eigene Logistik und Kundenakquise
  • indirekt: Reichweite und Logistik des Handels, aber Margenabgabe, Abhängigkeit und Listungsgebühren

Kanalkonflikte

Wenn SushiFresh dieselben Boxen in eigenen Filialen und bei RheinMarkt anbietet, konkurrieren die Kanäle um dieselben Kunden. Mögliche Antwort: unterschiedliche Sortimente oder Preise je Kanal.

Physische Distributionsstrukturen

Lagerstufen

Struktur Vorteil Nachteil typisch für
Direkt ab Werk keine Lagerkosten, keine Umschlagstufe viele kleine Sendungen, lange Wege Großkunden, volle Ladungen
Zentrallager Bestand gebündelt (Pooling), einfache Steuerung lange Auslieferstrecken mittelgroße Länder, Spezialsortimente
Zentral- + Regionallager kurze Lieferzeiten, gebündelte Hauptläufe mehr Bestand und Umschlag, komplexere Steuerung Lebensmittelhandel, Ersatzteile
Cross-Docking Bündelung ohne Lagerbestand, schneller Durchlauf hohe Synchronisationsanforderung Frische, Handelslogistik, KEP

Wie viele Lager?

Kosten und Lieferzeit in Abhängigkeit von der Lageranzahl

Gegenläufige Effekte

  • Lager- und Bestandskosten steigen mit der Zahl der Lager (Bestand nach dem Wurzelgesetz, Herleitung in der Einheit Pooling).
  • Auslieferkosten sinken, weil die Kunden näher am Lager liegen.
  • Die Lieferzeit sinkt mit jedem zusätzlichen Lager.

Im Beispiel liegt das Kostenminimum bei 4 Lagern. Eine kürzere Lieferzeit erfordert mehr Lager, das ist ein Zielkonflikt zwischen Kosten und Service (Einheit Ziele und Logistikkosten). Wo die Lager stehen sollen, beantwortet später das Warehouse Location Problem in der Standortplanung.

Distributionsnetzwerke im Handel

Gestaltungsoptionen nach Chopra and Meindl (2025)

Option Beschreibung Lieferzeit Bestand Transportkosten Geeignet für
Herstellerlager, Direktversand Händler verkauft, Hersteller verschickt direkt lang niedrig (gebündelt) hoch je Sendung breites Sortiment, wenig Nachfrage je Artikel
Streckengeschäft mit Zusammenführung Teile mehrerer Hersteller werden unterwegs zu einer Sendung vereint lang niedrig mittel Konfiguration, Elektronik
Händlerlager, Paketversand Händler lagert und verschickt per KEP-Dienst mittel mittel mittel Standard-Onlinehandel
Händlerlager, eigene Zustellung Händler stellt mit eigener Flotte zu (letzte Meile) kurz hoch sehr hoch Lebensmittel, sperrige Güter
Lager mit Abholung durch Kunden Ware wird an Abholpunkte gebracht (Paketstation, Pick-up-Point) mittel mittel niedrig bis mittel preissensible Kunden, Städte
Filiale mit Abholung (Click & Collect) Bestand im Laden, online reserviert oder bestellt sehr kurz hoch niedrig Mode, Elektronik, Frische

Es gibt keine allgemein beste Struktur. Die Wahl folgt dem Produkt (Wert, Haltbarkeit, Nachfragevolumen) und dem geforderten Lieferservice, also wieder dem Strategic Fit.

Cross-Docking

Umschlag ohne Lagerung

Cross-Docking: Eingehende Sendungen mehrerer Lieferanten werden am Umschlagpunkt ohne Einlagerung (in der Regel < 24 h) nach Empfängern umsortiert und in gebündelten Touren ausgeliefert.

Varianten

  • einstufig (pre-distribution): Lieferant kommissioniert bereits je Filiale, das Cross-Dock schlägt nur um
  • zweistufig (post-distribution): Lieferant liefert sortenrein, das Cross-Dock kommissioniert auf Filialen

Voraussetzungen

  • hohe, stabile Volumina je Relation
  • zeitliche Synchronisation von Anlieferung und Auslieferung (Zeitfenster-Management)
  • verlässliche Lieferanten (Menge, Qualität, Pünktlichkeit)
  • Informationsaustausch vor Ankunft (Lieferavis, EDI)

Risiko

Verspätet sich ein Lieferant, verzögern sich alle abgehenden Touren oder die Filiale bekommt ihre Ware nicht. Fehlender Bestand als Puffer ist Vorteil und Risiko zugleich.

Kernaussagen

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Distributionssystem hat eine vertikale Struktur (Absatzkanäle: wer verkauft?) und eine horizontale Struktur (Logistikkanal: Lagerstufen, Umschlagpunkte). Beide müssen nicht übereinstimmen.
  • Ziel ist ein angestrebter Lieferservice (Lieferzeit, Zuverlässigkeit, Lieferfähigkeit, Beschaffenheit, Flexibilität, Information) zu minimalen Kosten.
  • Mehr Lager bedeuten kürzere Lieferzeiten und Auslieferwege, aber mehr Fix- und Bestandskosten (Wurzelgesetz, siehe Einheit Pooling). Wo die Lager stehen, klärt die anschließende Standortplanung.
  • Cross-Docking bündelt Warenströme ohne Lagerbestand, verlangt aber eine enge Synchronisation.
  • Die passende Struktur folgt dem Produkt und dem geforderten Service (Strategic Fit).

Übung

Übungsaufgaben zu dieser Einheit

Aufgaben zur Klausurvorbereitung (Teil 1) und eine vertiefende Fallstudie (Teil 2) finden Sie in Fallstudie 1: Grundlagen des Supply Chain Managements.

Chopra, Sunil, and Peter Meindl. 2025. Supply Chain Management: Strategy, Planning, and Operation. 8th ed. Pearson.
Günther, Hans-Otto, and Horst Tempelmeier. 2012. Produktion Und Logistik. 9th ed. Springer-Lehrbuch. Springer.
Pfohl, Hans-Christian. 2018. Logistiksysteme: Betriebswirtschaftliche Grundlagen. 9th ed. Springer Vieweg.